Diskussionsforum der stw-boerse: Auslandswerte: Schweizer Aktien
al_sting - Montag, 13. Juli 2015 - 13:33
Auch wenn Schweizer Unternehmen meist und zu recht eigene Threads erhalten, öffne ich diesen für kleinere Unternehmen.
Ich fange gleich mit einem Unternehmen an, dass ich mir sehr interessiert zur Analyse vorgenommen hatte. Bei der Analyse fiel mir auf, dass der Kurs wegen Einmaleffekten doch nicht so günstig ist, wie ich anfangs dachte.
Da es aber auch so nicht ganz uninteressant ist (und ich in der Analyse eh fortgeschritten war), stelle ich es hier vor und zur Diskussion. Ich bin noch unschlüssig bei der Bewertung und würde mich deshalb besonders über Kommentare freuen.

al_sting - Montag, 13. Juli 2015 - 13:38
Bergbahnen Engelberg-Trübsee-Titlis AG

ISIN CH0214706357 (CH0008305507 vor Aktiensplit anno 2013 im VerhäItnis 1:16)
Das Unternehmen, das auch unter „TITLIS Bergbahnen, Hotels & Gastronomie„ auftritt, ist ein ein Schweizer Verkehrsdienstleistungs- und Tourismusunternehmen. Sie betreiben Bergbahnen und Skilifte (ein oft verlustträchtiges Geschäft, dass die Orte aus Infrastrukturüberlegungen oft bezuschussen) sowie Restaurants und Hotels in und bei Engelberg im Kanton Obwalden.

Aktienzahl: 672.000
Aktueller Kurs: 315 CHF
-> MK = 210 Mio CHF
Gewinne: 23,7 Mio CHF (aufgrund von Einmaleffekten aber wenig aussagekräftig)
Dividende: 6 CHF
Eigenkapitalquote: 73% = ungewöhnlich hoch.
Großer Freefloat: Relag Holding AG mit 10,7% ist der einzige Aktionär mit einer Beteiligung > 5%.
Umsatzverteilung: 60% Wintersaison, 40% Sommersaison
Homepage: http://www.titlis.ch/de/header/unternehmen

Zwei Faktoren verhalfen dem Unternehmen in den letzten Jahren zu einem beachtlichen Umsatz- und Gewinnwachstum. Von 1997 bis 2014 ist das Unternehmen laut VIC-Analyse mit durchschnittlich 6%p.a. gewachsen, EBIT mit 11% und EPS mit 16%.

Der eine Grund ist die wachsende Zahl an Asientouristen. Ein Umsatzanteil von 40% im Sommer ist für Bergbahnen- und Liftbetreiber sehr ungewöhnlich, normalerweise ist im Sommer Flaute. Hier hilft dem Unternehmen seine Lage, sie bietet eine Art natürlichen Moat. Das hat der Schweizer Fonds VR Capital sehr schön formuliert: „Erstens ist Engelberg durch seine Nähe zur A2 bei Touristen aus Asien beliebt, die eine Rundreise mit dem Bus durch Europa machen. Die „klassische” Rundreise durch Europa beginnt mit der Landung in Rom und der anschließenden Busfahrt nach Venedig, dann Mailand, dann ein Tag in der Schweiz, um eine Uhr zu kaufen und auf einen Berg zu fahren und endet in Paris – alles in nur einer Woche. Engelberg und die Jungfrau sind die einzigen Gletscher, die zwischen Mailand und Paris direkt am Weg liegen. Alternativen sind mindestens eine Fahrstunde weiter entfernt.“

Dieser Effekt dürfte auch zukünftig anhalten, und durch die Euroschwäche und Frankenstärke eher noch befeuert werden, Europareisen werden ja billiger. Laut dem aktuell erschienenen Halbjahresbericht rechnet das Unternehmen auch zukünftig mit einem weiteren Zuwachs an asiatischen Besuchern. Man hat zur internationalen Vermarktung auch schon eigene Ansprechpartner in Shanghai (China), Seoul (Südkorea), Kuala Lumpur (Indonesien) und Mumbai (Indien) sowie für Südamerika in Rio de Janeiro (Brasilien) gewonnen oder eingestellt. Die Unternehmenshomepage gibt es entsprechend nicht nur auf Deutsch, Englisch und Französisch, sondern auch auf Chinesisch, Portugiesisch, Spanisch und Koreanisch.

Der andere Grund für das Wachstum von Gewinn und Umsatz liegt in einem Immobilienprojekt, dass ich weitgehend als Einmaleffekt verbuchen würde: Von 2011 bis 2014 wurde mit dem „Titlis Resort“ eine Ferienanlage von 9 Häusern mit 135 Studios und Wohnungen gebaut und mittlerweile fast komplett veräußert (Einnahmen 21 Mio CHF, Restbestand 24 Wohnungen für Eigenvermietung). Bei 40% der veräußerten Ferienwohnungen hat das Unternehmen die Vermarktung und Vermietung übernommen, so dass hier auch zukünftig mit Erlösen zu rechnen ist, allerdings auf deutlich geringerem Niveau.
Dieser Umsatz- und Gewinntreiber, bei dem die Umsätze im GB zu 95% auch als Ebit verbucht werden konnten, fällt also zukünftig weg. Wir reden hier von
2012/13: Umsatz: 4,8 Mio von 66,1 Mio; EBIT: 4,7 Mio von 21,9 Mio; Gewinn: X von 18,4 Mio
2013/14: Umsatz: 9,8 Mio von 72,6 Mio; EBIT: 9,7 Mio von 27,0 Mio; Gewinn X von 23,7 Mio
2014/15, HJ-Zahlen: Umsatz 6,7 Mio von 33,4 Mio, Gewinn: X von 12,3 Mio CHF.

Die um Einmaleffekte bereinigte Gewinnentwicklung kann ich nur schätzen, ich tippe auf 15-20 Mio CHF / Jahr, wenn das Besucherwachstum aus Asien und teils Südamerika anhält.
Eine Marktkapitalisierung von aktuell 210 Mio CHF ist immer noch nicht bösartig teuer, aber mit KGV 12-15 längst nicht mehr das Schnäppchen, als das es ohne Herausrechnung der Einmaleffekte erschien.

Es gäbe auch noch weitere stille Reserven zu heben – falls das gewünscht und politisch durchsetzbar ist. Ich zitiere noch einmal den Rundbrief von „RV Capital“: „Darüber hinaus besitzt BETT ein um sein Hotel Terrace gelegenes Grundstück etwa der gleichen Größe wie das Grundstück, das zum Titlis Resort entwickelt wurde. Aber die Lage ist besser – es ist leicht erhöht und bietet den besten Blick auf die Landschaft um Engelberg. BETT sollte daher in der Lage sein, zumindest einen ähnlichen Gewinn wie mit dem Titlis Resort zu erzielen; wobei das allerdings von der Entscheidung abhängt, das Grundstück zu verkaufen oder selbst zu entwickeln.“

Vorteile aus meiner Sicht:
- Wenig korrellierender, Nebenwert mit eigener Nische. Auch eine Chinakrise sollte das Unternehmen wegstecken können.
- Wachsender Asientourismus sichert mittel- bis langfristige Wachstumsprognose
- Lage ermöglicht einen schönen Moat und eine gute Preissetzungskraft
- Seit 5 Jahren fähiges Management
- Guter Chart

Nachteile/Risiken:
- Die Abschätzung der Zukunft wird durch Einmalprojekte verzerrt.
- Wachstum von 7% bei 2% Dividende wie auch der Preis (KGV ca. 12-15) sind eigentlich unterhalb meines Zielradars.
- Nur an Schweizer Börse gehandelt
- Interessenskonflikte mit dem Aufsichtsrat (Lokale Aufsichtsratsmitglieder beliefern das Unternehmen mit Wein, verkaufen ihm Versicherungen etc. pp.)



Lesenswerte Analysen:
- VIC Value Investor Club, 18.03.2015 (hier stieß ich auf das Unternehmen): http://www.valueinvestorsclub.com/idea/Bergbahnenn-Engleberg-Trubsee-Titlis_/136736
- OTC Adventures, 17.11.2014: „A Swiss Bargain: Bergbahnen Engelberg-Truebsee-Titlis AG„ http://otcadventures.com/?p=1485
- HJ-1-Rundbrief vom Schweizer Fond RV Capital, sehr lesenswert: http://rvcapital.ch/pdfs/Co-Investorenbrief_H1_2014_deutsch.pdf

prof - Montag, 13. Juli 2015 - 13:50
Sehr schöner Chart. Reichlich 1% Spread und nur in Zürich handelbar. Das ist ein kleiner Wermutstropfen.
Prof

al_sting - Montag, 13. Juli 2015 - 14:05
Noch eine kleine Warnung: Es liegen ungesunde Interessenskonflikte vor, weil Aufsichtsratsmitglieder als Privatunternehmen mit dem Unternehmen handeln.

Ich war im GB schon über diesen Abschnitt gestolpert: "Sämtliche geschäftlichen Transaktionen mit nahestehenden Personen und Gesellschaften basieren auf handelsüblichen Vertragsformen und Konditionen.
- Die Amstutz Management AG erbrachte Dienstleistungen und Lieferungen im Betrag von CHF 172’763 (Vorjahr 157’552),
- Geny Hess, Hess Selection AG (bis 30. Juni 2014 Wine Consultant Engelberg), erbrachte Weinlieferungen im Betrag von CHF 62’603 (Vorjahr CHF 90’075).
- Hess Rechtsanwälte & Notare AG erbrachte Notariats- und Dienstleistungen im Betrag von CHF 9’626 (Vorjahr CHF 0).
- Die S&P Insurance AG verfügt über ein Brokermandat. Prämienvolumen Nichtleben CHF 0,71 Mio. Prämienvolumen Pensionskasse CHF 1,54 Mio. - Mit der Swiss Lion AG als hundertprozentige Tochter der Bucherer AG wurde eine Umsatzmiete von 2,5% vereinbart"

RV Capital schreibt dazu: "Ein Aspekt der Tätigkeit des Managements, um den ich es nicht beneide, ist die Aufsicht durch Verwaltungsratsmitglieder, die Geschäfte mit dem Unternehmen pflegen. Es ist mir ein Rätsel, wie das Management einen Vertrag zur Lieferung von Wein für die Restaurants oder einen Versicherungsvertrag für Bergretter mit einem Verwaltungsrat verhandeln soll, der über sein Gehalt oder die Verlängerung seines Dienstvertrages entscheidet.
Angesichts der engen Verflechtung des Unternehmens mit der lokalen Wirtschaft verstehe ich die Bedeutung, lokale Persönlichkeiten im Boot zu haben und ich weiß auch, wie wahrscheinlich es ist, dass die örtlichen Industriekapitäne geschäftliche Interessen an dem größten Unternehmen der Region haben.
Dennoch ist die derzeitige Situation unbefriedigend. Im Verwaltungsrat wird sich in den kommenden Jahren ein Generationenwechsel vollziehen. Meine Hoffnung ist, dass die schlimmsten Interessenskonflikte nicht weiter bestehen dürfen und dass eine bessere Ausgewogenheit zwischen lokalen und ortsfremden Personen erreicht wird.

al_sting - Montag, 13. Juli 2015 - 14:05
Ja, Bergbahnen und Liftbetreiber werden fast alle nur wenig (=mit Spread) und nur in der Schweiz gehandelt.

patarocket - Mittwoch, 17. Januar 2018 - 19:21
Hallo,

Ich bin neu im Forum bei euch und dachte, ich stelle euch mal die Firma Meyer Burger vor. Hat bestimmt der ein oder andere schonmal gehört, weil sie vor einem halben Jahr im Aktionär erwähnt wurde. Die Firma ist Zulieferer für die Solarindustrie und vor einem Jahr knapp an der Pleite vorbeigeschrammt. Seitdem wurde das Unternehmen verschlankt und auch der Kurs hat ein bisschen abgenommen ;) zuletzt gab es wieder reichlich Aufträge, unter anderem einen Großauftrag aus Norditalien.

Mit einem erwarteten KGV von 26,5 (Die Jahreszahlen kommen im März) und einer Marktkapitalisierung von 960mio ist das Unternehmen aktuell schon recht ordentlich bewertet, hat aber in meinen Augen bei entsprechender Entwicklung noch Kurspotential. Bin Seit Oktober dabei.

LG Patarocket

prof - Mittwoch, 17. Januar 2018 - 19:30
Hi Patarocket,
endlich mal wieder ein Neuzugang!

Die Aktienkurs ist unheimlich niedrig für eine Schweizer Aktie. Da werde ich das erste Mal stutzig. Im Jahreschart sieht es nach einer Bodenbildung aus, aber ich wäre hier sehr vorsichtig. Bei einem weiteren Anstieg würde ich hier zumindest Teilgewinne mitnehmen.

al_sting - Donnerstag, 18. Januar 2018 - 12:06
Hallo Patarocket,

herzlich willkommen!
Zugegeben, Meyer Burger sagte mir wenig, eher schon die ehemalige Roth & Rau AG.
Aber ich muss zugeben, dass mir die ganze Branche sehr riskant erscheint, weil die technischen Umbrüche sehr schnell sind. Und dann noch ein Turn Around - huh.
Hast du Einlesetipps?

isabellaflora - Donnerstag, 18. Januar 2018 - 12:29
Hallo Patarocket,

anders gefragt als al_sting: wo hat Meyer Burger den Innovationsjoker mit Alleinstellungsmerkmal, der Phantasie in den Kurs bringen dürfte. Weiteres Einlesen erübrigt sich andernfalls, weil Solar komplett nach China delegiert wurde. Das ist so als ob Brockhaus 'ne neue Google werden wollte ...

Nichts für ungut.

Gruß isa

helmut - Donnerstag, 18. Januar 2018 - 14:06
Na ja, ganz so schlimm ist es nicht :-) das wäre ja auch gar nicht Swiss-like.

Ich hatte vor kurzem die Chance den CEO bei einer Investorenkonferenz zu erleben. Der weiß, schon was er tut.

Im Kern geht es darum aus einem Solarmodul (das wie du richtigerweise sagst in China hergestellt wird) den meisten Strom-Ertrag rauszubringen. Und da hilft das "Chinese To Runner Programm" sogar. Die Chinesen schreiben nämlich immer höhere Effizienz-Mindeststandards vor. Und die kann man derzeit am besten mit dem PERC-Verfahren erreichen - und das ist Meyer Burger Marktführer.

Vereinfacht gesagt geht es bei der Weiterentwicklung der Technologie (Perc ist da derzeit der Oberliga-Standard) darum, immer feinere "Verdrahtungen" in den Modulen zu implementieren - weil das zu besserer Stromausbeute je m2 führt. Und Meyer Burger liefert die Maschinen, die das können.

Meyer Burger ist damit ein Zulieferer für die chinesischen Solar-Panel-Erzeuger, die immer bessere Maschinen brauchen um die Vorgaben zu erfüllen. Damit ist Meyer Burger für mich ein Technologie-Supplier - kein Solarpanel-Erzeuger.

Der chinesische Markt ist für viele Maschinenbauer in Deutschland ein wichtiger Markt. Mit deiner Argumentation wären diese alle "alte Brockhaus", die Google werden wollen.

Die Probleme von Meyer Burger kamen vor allem daher, dass man zu lange nicht reagiert hat. In der Schweiz (Thun) zu produzieren, und dann nach China zu verschiffen ist z.B. für Diamantsägen (ja, das machen die auch) nicht unbedingt die effizienteste Vorgehensweise. Das wird bzw. wurde jetzt alles umgekrempelt - mit hohen Restrukturierungskosten.

Ein Investement ist Meyer Burger für mich trotzdem nicht. Auch wenn man davon ausgehen kann, dass in Zukunft immer noch mehr und immer effizientere Module gebaut werden - so ist doch die Abhängigkeit vom chinesischen Markt ein hohes Risiko. Und welche Margen Meyer Burger erreichen wird können, wenn die Restrukturierung erledigt ist, kann ich auch nicht abschätzen.

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